Saturday, 6. september 2008
6
06
/09
/Sept.
/2008
08:25
Psychopathologische Phänomene in den Kampfkünsten Teil 2
Autor Tom Herold
Manchmal ist es jedoch möglich, die Peinlichkeit dieser Geschichte bis ins Groteske zu steigern. Dann gehört der namenlose, geheimnisvolle Meister nämlich sogar zur Familie dessen, der da auf
Seminaren dummes Zeug demonstriert. Ein in Mecklenburg beheimateter Kampfkunst-Kasper, der in einem „Jiu-Jitsu-Freizeit-Dojo“ (doch, doch, das gibt es wirklich!) eine selbsterfundene Stilrichtung
lehrt, deren Name übersetzt „Schriftzeichen-Kunst-Weg“ lautet, verstieg sich gar zu der Behauptung, die Kampfkunst von seiner Mutter erlernt zu haben. Diese nämlich sei eigentlich eine weibliche
Ninja und habe ihm den 5. Dan verliehen … Interessant ist, dass dieser „Meister“ inzwischen mit einem rot-weißen Gürtel herumläuft. Na ja, ist ja auch verständlich. Den schwarzen Gürtel hat doch
heutzutage jeder, da muss man sich schon etwas abheben, nicht wahr. Und was ist einfacher, als sich selbst einen Dan-Grad zu verleihen?
Schließlich hat man ja eine eigene, ganz, ganz tolle Kampfkunst erfunden, da wird man doch wohl das Recht haben, sich den Dan-Grad auszusuchen … Es wäre, denke ich, ganz interessant, eine
wissenschaftliche Untersuchung zur Problematik der Psychopathologie, der Wahrnehmungs- und Persönlichkeitsstörungen in den Kampfkünsten durchzuführen. Der Prozentsatz der Spinner scheint in den
Kampfkünsten (verglichen mit anderen Sportarten und Bewegungskünsten) überproportional hoch zu sein.
Die Kampfkünste haben inzwischen leider einen denkbar schlechten Ruf. Da kann es nicht verwundern, dass es folgenlos blieb, als der vorstehend erwähnte selbsternannte „Meister“ im Rahmen einer
Großveranstaltung nur mit einem Tiger-Tanga bekleidet eine selbsterfundene Kata … äh, zelebrierte. Begleitet wurde jene verblüffende Darbietung, die als „Musik-Kata“ angekündigt war, von dem
stilvollen deutschen Schlager „Zieh dich aus, kleine Maus …“ (Das habe ich mir nicht ausgedacht, das ist tatsächlich so passiert – und wir haben es auf Video!) Dies war an jenem Tage bereits die
zweite Peinlichkeit, die sich besagter „Meister“ leistete. Zuvor hatte er doch allen Ernstes (natürlich vergeblich) versucht, einen frei an einem Gestell hängenden Baseball-Schläger mit der
Handkante zu durchschlagen. Das dürfte einiges über diesen „Meister“ aussagen …
Ein anderer selbsternannter „Meister“, dessen peinlich geringes Können mehrfach auf Videos dokumentiert wurde, bemüht sich derzeit eifrig, im Internet am eigenen Mythos zu basteln. Offenbar hat
dieser Mann jedweden Bezug zur Realität verloren, denn er verkündet allen Ernstes, dass sein Weg zu den Meisterehren in den Kampfkünsten begann, als er im Garten trainierte und ein alter Samurai
(?) des Weges kam, der ihn sofort zu seinem würdigen Erben erklärte. Den Namen des alten Samurai darf er natürlich nicht verraten, weil … äh, ja eben weil. Wer sich nun verblüfft fragt, wo im
Osten Deutschlands zu Beginn der achtziger Jahre ein alter Samurai herkam, der … äh, hat nicht begriffen, worum es eigentlich geht, basta. (Es sei mir verziehen, wenn ich mir mühsam einen
Lachkrampf verkneife bei der Vorstellung, daß ein alter Samurai zu Beginn der achtziger Jahre durch die DDR wanderte auf der Suche nach einem Erben …)
Die hier angeführten Beispiele sollen vorerst genügen, denke ich. Es ergibt sich nunmehr eine wichtige Frage. Wieso ziehen die Kampfkünste diese Art von wahrnehmungsgestörten, offenbar
psychotischen Persönlichkeiten geradezu magisch an? Vermutlich gibt es keine andere Nische in unserer Gesellschaft, wo sich solche Störungen so ungeniert ausleben lassen. Nur in den Kampfkünsten
ist es wohl möglich, einem gewissen Größenwahn nachgeben zu können – das System der Kampfkünste scheint dies zu tolerieren. Zugleich muss man berücksichtigen, dass solcherart gestörte
Persönlichkeiten völlig immun gegen jede Art von Kritik sind.
Es ist allerdings zu beobachten, dass Kritik von ihnen nicht etwa ignoriert wird – im Gegenteil. Kritik dient hier als Bestätigung der eigenen Paranoia. („Ich bin der Größte, und meine Kritiker
sind alle nur neidisch und spinnen Intrigen gegen mich …“) Letztlich scheint es das System der Gürtelgrade zu sein, welches die Kampfkünste für psychotische Persönlichkeiten so interessant macht.
Wer einen sehr hohen Dan-Grad trägt, der wird selten aufgefordert werden, sein Können tatsächlich (z.B. im Kampf) unter Beweis zu stellen.
Wird ein solcher „Meister“ dann doch einmal herausgefordert, dann lehnt er es ab, zu kämpfen – da der Meister so enorm gefährlich ist, würde er den Herausforderer womöglich aus Versehen töten …
Leider läßt sich nicht immer auf Anhieb feststellen, ob der Träger eines hohen Dan-Grades denselben auch durch Leistung zu rechtfertigen versteht. Wissen und Können in den Kampfkünsten lassen
sich nur durch praktische Übungen verifizieren – und genau diese meiden die selbsternannten „Meister“ oftmals wie der Teufel das Weihwasser. Wenn sie sich doch einmal dazu herablassen, ihr
vermeintliches Können zu demonstrieren, versagen sie stets kläglich. (Erfreulicherweise sind die schönsten Momente solcher Vorführungen stets auf Video dokumentiert.)